Es ist warm am 26.06.2010 gegen 12:00 Uhr.

Lange haben wir dieses Jahr auf solche Temperaturen gewartet.

Ich stehe am Bahnhof Fürstenwalde mit meinem BW-Rucksack auf dem Rücken und einer gerade gelösten Fahrkarte (dazu später Näheres) in der Hand.

Ich schwitze, bin aber im Freudentaumel auf das anstehende Festival und trinke deswegen noch einen Schluck kaltes Bier, welches ich gerade aus meinem Rucksack zog.

 

Umsteigen in Berlin Friedrichstraße. Ich rauche schnell noch eine Zigarette bevor ich mich in die Katakomben der BVG begebe, um in den Wedding zu meinem dienstlich zugewiesenem Wohnklo mit Kochnische zu gelangen.

 

Ich erreiche den Wedding und stapfe tapfer den von mir ausgedrucken und von Google-Maps vorgegebenen Weg, bis ich in dieser scheiß Hitze die Kösliner Straße erreiche. Ich rechnete eigentlich damit, dass ich in 10-Loch-Rangers, schwarzer Army-Mütze und kurzen schwarzen Cargohosen dort wenigstens einmal oder mehr auf Maul bekomme. Aber denkste! Total cool, total entspannt, total Wedding! Sehr sympathisch!

 

Beamtentypisch wähle ich den Fahrstuhl, um in den vierten Stock zu gelangen. Eigentlich total bescheuert, denn ich habe gefühlte 20 Liter Bier ausgeschwitzt. Wie gut, dass ich nicht im 20. Stockwerk wohnte, denn dann wäre ich in dem Ding wahrscheinlich an Dehydrierung und Bierdurst gestorben (Reihenfolge frei gewählt).

 

Die Fahrstuhltür geht auf und ich erreiche röchelnd meine Kemenate. Schnell den Tisch beiseite gerückt und dabei ´ne Molle gezischt. Die Iso-Matte noch zackig ausgerollt und den Schlafsack drauf. JAEGMANwollte ja schließlich bei mir nächtigen! Jetzt noch schnell ne Fluppe auf’n Zahn und schon wieder weg. Dieses Mal über die Treppe. Hab nur ne halbe Kippenlänge gebraucht und brauchte nun auch nach zwei Etagen keinen Erfrischungsstand wie beim Marathon! Sehr entspannend so ein Treppenhaus! Das ist eine Leistung die im Bundesbeamtensportleistungsblatt Anerkennung finden sollte und wird.

 

Mit zwei TaPi’s (Taschenpils) ausgerüstet ging es wieder zur U-Bahn, um den Ereignisort des E-TROPOLIS schnell zu erreichen. Schließlich wollte ich heute noch Xotox, Feindflug, Mergel Kratzer, Combichrist, Hocico und andere Bands sehen.

 

Nun hucke ich der U-Bahn wie der Christ in Jerusalem. Mich beschleicht das Gefühl, dass keiner meine Sprache spricht. Achja! Ich bin doch im Wedding eingestiegen, da ist das normal. Und mir ist es egal!

 

Ansage in der U-Bahn: Nächste Haltestelle „Mehringdamm“

Das Nächste, was ich in der U-Bahn höre ist: „Guten Tag. Fahrkartenkontrolle!“

Stolz zeige ich meine Fahrkarte und blicke in ein bitter ernstes Gesicht.

 

DIE ISS JA JAHNISCH ENTWERTET!“

 

So eine rote Birne hatte ich das letzte Mal beim Jugendstaatsanwalt (Auskunft nur persönlich)

 

ICH, der gesetzestreueste Gesetzesdiener der deutschen Gesetze, der Oberbahnpolizist, der überkorrekte Bundesbeamte, der einfach schusselige KIO, habe vergessen, dass man eine Tageskarte auf der das Datum und die Zeit des Lösens steht, zu ENTWERTEN!

 

Jetzt mach’ ick mir Luft: „Ich ziehe eine Karte am Automaten. Ich schaue darauf und entdecke das Datum und die Uhrzeit der Ziehung. Ich lese: -GÜLTIG BIS 03:00 UHR AM TAG NACH ENTWERUNG- Sollte doch reichen, oder?!“

 

Ich versuche ruhig zu bleiben und sage zu dem Kontrolleur: „Ich habe heute die Fahrkarte aus einem Automaten gezogen. Die Uhrzeit und das Datum stehen ja auch darauf. Ich bin kurz danach in den Regionalexpress eingestiegen, in Friedrichstraße umgestiegen und sitze jetzt hier mit einer nicht entwerteten Fahrkarte, die einen ganzen Tag gültig ist.“

 

Meinte der nette Herr: „Hier iss` jetzt Ende der Fahrt und ich hätte gern ihren Personalausweis.“

 

Ich fühlte mich wie ein kleiner Junge den man beim „Tittenkieken“ erwischt hat. Die Blicke der U-Bahn-Reisenden sagten mir: „Typisch das schwarze Volk: Nüscht uffe Rippen, Steuern kassieren, kostenlos Bahn fahren wollen und denn och noch rumdiskutiern.“

 

`Nein, ich bin nicht in meinem Job, sondern privat unterwegs.’ dachte ich mir.

 

Das Ende vom Lied: ich latzte 40 € für das Schwarzfahren, entwertete meinen Fahrschein und durfte mit der nächsten U-Bahn endlich eine Station weiter fahren. Nämlich zum Platz der Luftbrücke.

 

Endlich angekommen nehme ich meinen Klapphandtelefonapperat in die Hand und baue sofort eine Drahtlostelefonverbindung mit JAEGMAN auf.

Ich wurde zum Kleinwagen von J. gelotst und trank erst mal auf den Schreck ein Pils, welche mir gekühlt dargereicht wurde.

 

Wir erreichten, nach einem kurzen Hosentausch (schwarz gegen nordamerikanisch-Wüsten-Fleck) die C-Hall und reihten uns in die wartende Masse.

 

Schon hier bemerkte ich ein elektronischen Impuls in Sachen Musik (wie gut, dass ich nicht beim Zita-Rock war).

 

Am Eingang standen die netten Jungs von der Sicherheit und ich riss gleich die Arme nach oben. Aber ich wurde nicht einmal angefasst! „Willste innen Knast oder zum Konzert?“ wurde ich gefragt durch den netten Mann.

 

Zuerst mussten wir den Festivalplatz (Location) erkunden. Hierbei fiel mein Interesse auf eine Gruppe von Leuten, die sich durch ihre Nickis hervortaten und meine Aufmerksamkeit erhielten.

 

Es handelte sich hierbei um die EBM-Front Berlin-Brandenburg. Der Wortführer erklärte mir kurz, was die Frontler wollen und machen.

 

Nach neuesten Recherchen findet am 14.08.2010 in Guben eine EBM-Tanzveranstaltung mit real auftretenden Musikgruppen statt. (http://www.myspace.com/e_attack/photos/47373118)

 

Nun traf ich auch einen alten Bekannten: den Clemens. Er war ja auch nicht zu übersehen! Das Gesicht schwarz-rot-gold und ein Deutschland-Nicky am sehr stattlichen Leib. Ich glaube er hatte auch noch einen Fußball verschluckt, das konnte ich aber nicht sehen und fragen wollte ich auch nicht.

Die Veranstaltungsorte waren ja schon von unzähligen vorausgegangen Konzerten bekannt, dazu werde ich mich deswegen nicht weiter auslassen.

 

 

Die erste Kombo, die ich mir reinzog, war FEINDFLUG.

 

Der Sound war laut, krass und doch für Feindflug irgendwie ungewohnt. Die erste Reihe tobte und ich fetzte mir mein Hemd vom Leib, um bei diesen Temperaturen in der Halle nicht umzukippen.

Eine Liederliste habe ich mir nicht gemerkt (wie sonst auch), ich habe es einfach nur genossen, bei richtig guter Musik richtig gut zu moshen.

 

Danach fand ich dann völlig nass (ich sah aus wie geduscht) den Ausgang und füllte meinen Astralkörper mit kühlem Pils auf.

 

Nun kamen diverse Gespräche mit Leuten die ich kannte und nicht kannte. Halt eine bunte Mischung aus "Watt mach'n wa als nächstes?" und "Ey, coolet Schört!"

 

Die Temperaturen stiegen, mein Pegel auch. Und die Lust auf die nächste Kombo, die von mir auserkoren wurde

 

Ich bereitete mich mental und dental auf COMBICHRIST vor. Und das war auch gut so.

 

Die ersten Klänge kamen so kraftvoll, basslastig, energiegeladen rüber, wie ich es auf einem Konzert selten erlebt habe.

Diese musikalische Schockwelle ging sofort auf die Zuschauer und -hörer über, was letztendlich zu einem recht fairen aber unerbitterlichen First-Line-Fight führte.

 

Ich habe bestimmt drei mal am Boden gelegen und einen fliegenden Ellenbogen, zur Freude des Besitzers, mit dem Schädelknochen über dem Auge wieder eingefangen (lat. Os Frontalis).

 

Ich habe mich verausgabt, wie sonst nur bei Front oder Nitzer.

 

Auch dieses Mal fand ich nach den letzten Klängen und der teilweisen Zerstörung der Musikinstrumente durch Combichrist den erlösenden Ausgang.

Doch dieses Mal starrten mich die Leute an, als wäre ich ein grüner Orga und faselten irgendwas von "Hals" und "Sanitöter" gehen.

Ich fasste mir an den Hals und griff in einen durch Schweiß schmerzenden, leicht blutenden Kratzer. Wo der herkam weiß ich nicht. Jedenfalls war mein Hals vor Combichrist noch intakt.

 

Die nette Sanitante sagte, dass es halb so wild ist und sprühte mir bei diesen Worten eine Desinfektionslösung drauf. Schön ist es, wenn der Schmerz nachlässt.

Das Pflaster klebte genau 3 Sekunden und ich war um eine Erfahrung reicher: bei solchen Dingen lieber selbst behandeln!!!

 

Die Schmerzen waren dank des herrlich kühlen Gerstensaftes schnell verschwunden und vergessen.

Nun folgten wieder unzählige Gespräche mit der und dem, sowie 3-11 Becherchen Pils.

Mein Level blieb erstaunlich stabil, was die Vorfreude auf den Hauptauftritt des Abends steigerte.

Ich hatte mir als letzten musikalischen Leckerbissen des Abends HOCICO ausgesucht.

 

Was soll ich sagen!? Es war einfach eine Klasse für sich. Die beiden Mexikaner sind Vollprofis und wissen die Massen zu begeistern. Dem absoluten Erschöpfungszustand nahe, schaltete ich einen Gang herunter und wackelte im Takt der Masse mit dem Oberkörper hin und her. Frei nach dem Motto: "Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach" (Redensart nach der Bibel, Matthäus 26, 41) ergab ich mich den doch sehr energischen Klängen in einer eher hörenden als moshenden Position. Schön war es trotzdem, auch wenn der alte Kadaver nicht so mitspielte wie mein 25jähriger Geist!

 

Die Aftershowparty ging meiner Meinung nach etwas unter, da die meisten Besucher gegen 03:00 Uhr das Festivalgelände verlassen hatten und nur noch wenige den sehr abwechslungsreichen Klängen lauschten und sich dazu bewegten.

 

Gegen 05:00 Uhr war dann auch mein letztes Bier ausgetrunken und ich hatte mich von den mir bekannten Leuten, die ich noch gefunden habe, verabschiedet.

 

Jaegman war nirgends zu finden. Ich ging aufgrund der vorangerückten Zeit davon aus, dass er bereits sein Alternativnachtlager erreicht hatte. Zur Absicherung schickte ich noch schnell eine Kurzmitteilung per Klapphandapparat.

 

Wankenden Schrittes begab ich mich in Richtung U-Bahn, löste eine Fahrkarte und ENTWERTETE sie.

 

Nach kurzer Fahrt (kam mir jedenfalls so vor) erreichte ich immer noch wankend den Wedding und stapfte leicht verängstigt durch fremdsprachiges aber wie leergefegtes Terrain.

 

Ein Appetitgefühl überkam mich und ich fand zum gelungen Abschluss des anstrengenden Tages noch eine Dönerbude, in der ich noch etwas zu futtern bekam. Dieses köstliche dreieckige Mahl kostete auch nur 2,30 EUR, was genau meinem Budget entsprach.

 

Döner kauend zog ich weiter. Was soll ich sagen, mich trieb es irgendwie in die falsche Richtung und ich fühlte mich plötzlich irgendwie unwohl. Doch die Rettung in Form von drei jungen, erlebnisorientierten Erdenbürgern mit Migrationshintergrund nahte.

Ich sprach die zwei lustigen Drei an und bat sie mich wieder auf den richtigen Weg zu führen. Wer hätte das gedacht? Sie begleiteten mich bis zum Eingang meines Nachtquartieres, waren höflich, lustig und an meinem Aussehen wie meiner Herkunft interessiert. Das ist Wedding.

 

Fazit: Auch wenn ich schon aufgrund meiner mangelnden Logik gekoppelt mit heranwachsender Legasthenie zu Beginn des Tages einen herben mentalen wie finanziellen Rückschlag erleiden musste, werde ich wohl das nächste Jahr wieder zum E-TROPOLIS fahren. Die Festivalorganisation, das Line-Up, die Besucher und die Location waren einfach nur gut. Es wird schwer ein ähnlich gutes Festival dieser Art (elektronisch und an einem Tag) zu finden.

 

In diesem Sinne:

 

 

Euer GröNaZ, GröFaz und geliebter Kio!!!

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02.12.2017

 

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